Aus dem Fersehjunkie wurde ein Bücherwurm

Als Kind der 80er Jahre war ich fernsehsüchtig. Ich schaute täglich stundenlang fern. Wenn es um Kindheitserinnerungen aus meiner Kindheit geht dann sind das Erinnerungen an Filme und Serien. Ich war ein riesiger Tagträumer der sich in die Geschichten aus dem Fernsehen hineinträumte. Dann habe ich als Jugendlicher aufgehört viel fern zu sehen. Bis heute schaue ich nicht viel fern. Nachrichten schaue ich und ab und an eine DVD. Ich habe letztes Jahr angefangen abends zu lesen. Ich habe im letzten Jahr mehr als 10 Bücher gelesen. Das kannte ich früher nicht so sehr. Ich las ab und an Bücher aber höchstens 3 pro Jahr. Angefangen hat das mit Büchern von Lucy Maud Montgomery. Ich habe „Anne of Green Gables“ noch mal angefangen zu lesen allerdings auf englisch. Ich kannte ja damals nur die Miniserie von Sullivan Entertainment aus dem Fernsehen. Ich habe große Teile der „Anne Serie“ auf englisch gelesen und auch andere Bücher von Lucy Maud Montgomery bei der das Träumen vorkommt. Ich glaube das war der Einstieg für mich weil ich ja selber nicht mehr tagträume. Ich habe auch Bob den Streuner gelesen und andere Bücher über Außenseiter. Das tat mir richtig gut. Auch den Roman von Mina Teichert „Neben der Spur aber auf dem Weg“ habe ich ebenfalls verschlungen. Ich suche immer nach neuen Inspirationen für Lesestoff gesucht. Dabei fällt mir auf das mein erwachsenes ich nach Identifikationsfiguren sucht. Ich suche immer nach Vorbildern in der Literatur. Im Moment ist es Sten Nadolnys John Franklin aus der Entdeckung der Langsamkeit.

Meine alten Träume von Abenteuern im wilden Westen habe ich aufgegeben. Winnetou ist endgültig gestorben. Ich bin viel stärker in der Realität verhaftet als früher. Ich nehme meine alten Träume als Illusionen wahr. Manchmal ist meine Realität ganz schön hart. Aber Illusionen will ich mich nicht mehr hingeben.

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Nachgiebig und ausnutzbar

Ich habe ja auch noch  zusätzlich zum ADS eine ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung. Ich vermeide soziale Kontakte um eine be- oder verurteilung durch anderen zu umgehen.

Anscheinend wissen das Bettler genau dass ich nur selten nein sagen kann und versuchen es mit der absouluten Mitleidsmasche. Ich kann mittlerweile dem auch wiederstehen.

Heute wurde ich von einer Jugendlichen angesprochen ob ich für sie Zigaretten kaufe sie hätte ihren Ausweis nicht dabei. Ich habe dann doch barsch geantwortet das ich ihr auf keinen Fall Zigaretten hole, und das ich nicht bekloppt sei. Ich bin froh darüber das ich mittlerweile nein sagen kann. Ich wirke auf andere immer so freundlich und gutmütig dass es immer wieder versucht wird mich über den Tisch zu ziehen oder anzubetteln. Nur das klappt halt nicht immer.

Auch Literatur beflügelt meine Fantasie nicht

Früher konnte ich mich in Bücher und in Filme reinträumen. Als Kind träumte ich unzählige male davon einen verletzten Apachenkrieger zu pflegen. Als die Winnetouverfilmungen mit Pierre Brice in meiner Kindheit aktuell waren. Oder ich kämpfte zusammen mit den Gesetzlosen um Robin Hood als Bruder Tuck mit. Als Erwachsener wurden die Träume anders. Ich träumte etwa auf Prince Edward Island zu leben, meiner Trauminsel, der Heimat der verträumten Anne Shirley aus der Fernsehserie “ Anne auf Greengables – ein zauberhaftes Mädchen.

Jetzt lese ich viele Bücher träume mich aber nicht in die Geschichten hinein. Ist das Buch beiseite gelegt ist auch die Welt die es mir bietet auch verschlossen. Das finde ich schade. Gerne würde ich manchmal in Fantasiewelten eintauchen. Etwa mit John Franklin an den Nordpol fahren wie in „Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny. Gerade bei dieser Hitze kommt mir der Nordpol als Ziel besonders verlockend vor. Aber mein Kopf ist leer. Das ärgert mich so das Strattera dauernd wirkt. Gerne würde ich auf ein Medikament umsteigen das nicht durchgehend wirkt. Aber ich vertrage Medikinet nicht. Ich habe davon einen Rebound bekommen und bekam depressive Verstimmungen wenn die Wirkung gegen Abend nachließ. Und die Tagträumerei kam dann auch verstärkt zurück.

Ich habe eine Sehnsucht nach Gemeinschaft

Martin und ich leben relativ isoliert. Nur durch den Handarbeitskreis und die altkatholische Kirchengemeinde habe ich Kontakte. Ich habe immer das Gefühl nicht ganz dazu zu gehören. Nicht das ich aktiv ausgegrenzt werde, ich denke eher das meine Introvertiertheit durch das ADS ein Problem ist. Ich bin auch etwas spröde, nicht das ich gar keinen Humor habe, ich bin eher ein ernsthafter Mensch. Es kann sein das ich durch das ADS nicht besonders schlagfertig bin und für originelle Antworten auf scherzhafte Fragen einfach zu lange brauche. Klar ich bin auch verheiratet, aber wenn mein Mann abends nach Hause kommt ist der Tag schon so gut wie gelaufen. Er sitzt dann nur noch vor dem PC und beschäftigt sich damit. Ich denke das ich mir recht einsam vorkomme.

Ich treffe meinen Bekannten D. im Buchladen und kann dann einige Minuten mit ihm reden. Das ist schon gut. Vielleicht wünsche ich mir zu viel. Es liegt sicher auch an der Arbeitslosigkeit das ich mich einsam fühle. Vielleicht bin ich so etwas wie eine grüne Witwe. Obwohl ich mir schon dafür mehr Grün in meiner Umgebung wünsche. Ich muss einer Arbeit nachgehen die auch soziale Interaktion möglich macht. Etwa als Seniorenbetreuer. Ich muss da dringend am Ball bleiben.

Ich bin total unsicher wenn ich neue Leute kennenlerne

Mein Göttergatte und ich waren auf einer Grillparty die sein Chef gegeben hat. Es ist eine kleine Firma daher kann er alle Mitarbeiter nach Hause einladen. Es war ganz schön dort. Aber ich tue mich mit fremden Leuten schwer. Einen Teil der Leute kenne ich zwar etwas dennoch komme ich mir komisch vor. Ich weiß nie was ich erzählen soll.

Und das ich so feminin bin ist mir peinlich. Also über Kochrezepte und Strickmuster will ich mich da auch nicht unterhalten. Ein  Arbeits-Kollege meines Gatten ist Landsmann von mir, er stammt auch aus Polen wir haben uns ein wenig über Urlaub in Polen unterhalten und über den neuen Flughafen in Masuren. Aber sonst finde ich keinen Draht zu den anderen. Ich kann schon viel erzählen aber manchmal habe ich ein richtiges Brett vor dem Kopf. Mir fällt einfach nichts ein. Ich könnte von meiner Konfession erzählen, das ich altkatholisch bin, das ich Prunkbohnen auf dem Balkon habe und einen Nutzgarten als Topfgarten habe. Aber manchmal fällt mir das nicht ein. Ach so Prunkbohnen wenn ihr die nicht kennt, das sind Feuerbohnen die besonders üppig blühen.

Ich sehne mich nach ein wenig Idylle

Eine Bekannte ist von einer kleineren Kreisstadt in den sozialen Brennpunkt gezogen in dem ich mit meinem Mann wohne. An die Polizeirazzien auf Drogendealer und Kleinkriminelle, sagt sie wird sie sich nicht gewöhnen. Ich sehne mich auch häufig nach Idylle. Nach der kleineren Stadt in der ich aufgewachsen bin oder einem anderen netten kleineren Ort. Meine Beziehung zu der sogenannten Nordstadt in der ich lebe ist sehr ambivalent. Zum einen ist es hier nichts besonderes arm oder psychisch krank zu sein.

In guten Stadtteilen fühle ich mich immer etwas fehl am Platz wo alles makellos ist. Dennoch sehne ich mich nach niedlichen Fachwerkhäusern und kleinen Geschäften. Unsere Innenstadt ist alles andere als niedlich und gemütlich.  Der Stadtteil Hörde würde mir gefallen. Er ist ein Kompromiß aus kleinstädtischer Atmosphäre und tolerantem Umfeld. Ich finde die Buchhandlung dort toll, wenn ich auch die Inhaberin für sehr unterkühlt und konservativ halte. Unsere Stadtteilbuchhandlung ist so lieblos gemacht nur das Feigenblatt für das Geschäft mit der Belieferung von Universitäten und Unternehmen. Hat das etwas mit ADS zu tun. Nein, aber es kann schon sein das ich es ruhiger mag und überschaubarer.

Ich weiss nicht ob ich medizinische Reha brauche was das ADS angeht?

Ich habe eine schlechte Beurteilung von einer Berufspsychologin des Arbeitsamtes bekommen. Angeblich wäre ich nicht genügend belastbar und hätte nicht genug Konzentrationsfähigkeit für eine Umschulung als Seniorenbetreuer. Das dumme ist noch das ich beim Amtsarzt angegeben habe das ich nur 6 Stunden am Tag arbeiten kann. Diese Berufspsychologin hat mir daraus einen Strick gedreht. Ich halte mich eigentlich nicht für so beeinträchtigt das ich die Umschulung nicht machen kann. Vielleicht reicht ja auch ein Attest vom behandelnden Psychiater von der ADHS-Ambulanz aus dass ich nicht die medizinsche Reha machen muss. Ich glaube nicht das die viel bringt. Ausschlaggebend für die psychische Krise waren die Diskussionen über ADS in der Schulungsstätte und eine Depression wegen der Sexsucht. Die Psychose habe ich ganz überstanden und die Depression samt dieser Verhaltenssucht sind weg gegangen. Ich fühle mich besser als noch vor zwei Jahren. Mir wäre es lieber wenn der Arzt nur ein Attest schreibt, das wäre gut.

Strattera wird auf Dauer billiger

Ich habe im Internet gelesen das es bald schon Generika für den Noradrenalinhemmer Strattera geben soll. Dadurch wird das Medikament billiger. Ich denke für uns in Deutschland ist das nicht so eine wirklich große Neuigkeit. In anderen Ländern wie etwa Polen kann das wirklich ein wichtiges Thema für ADHS Betroffene Kinder sein.Wenn Strattera erschwinglich wird können auch Patienten in anderen Ländern davon profitieren. Das finde ist mal eine gute Nachricht.  Ich vertrage das Medikament gut und mein Blutwerte, insbesondere die Leberwerte und der Blutdruck sind in Ordnung. Strattera ist kein Betäubungsmittel daher ist auch das Reisen mit dem Medikament unproblematisch.

Es wirkt auch etwas antidepressiv und angsstillend. Ursprünglich ist es gegen Depression entwickelt worden nur zeigte es dafür nicht genug Wirkung. Daher hilft Strattera auch gut gegen die Stimmungsschwankungen. Bei mir haben die Stimmungsschwankungen schon sehr früh aufgehört die konzentrationsfördernde Wirkung trat aber erst etwas später ein. Ich finde es ist wirklich ein Medikament dem mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

 

Jetzt weiß ich warum ich so schlecht in den Ballsportarten war und sicher noch bin

Ich habe angefangen „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Stan Nadolny zu lesen. In der Hauptfigur, John Franklin, sehen einige Leser einen typischen Betroffenen von „sluggish cognitive tempo, einer Sonderform von ADS. Er ist zu langsam um einen Ball zu fangen weil er in Details zu vertieft ist. Bei mir kann das daran liegen dass ich einfach zu verträumt war und vielleicht noch bin.

Ich mag diese Figur des John Franklin. Mir macht der Roman enormen Spass. Sten Nadolny schildert sehr humorvoll seinen John Franklin. Zum Beispiel ißt er sehr langsam so dass der Schiffskater ihm Bratenstücke direkt von der Gabel stibitzt. Meine Klassenlehrerin in der Grundschule sagte: bis der Junge etwas zu Ende gebracht hat, hat eine Oma für ganz China Pullover gestrickt. Auch in meinen ganzen Grundschulzeugnissen steht das ich zu langsam war.

Durch Meditation einen Weg zu den Gefühlen finden und was ich so lese

Ich besuche eine Therapiegruppe die achtsamkeits basiert arbeitet. Ich erzählte dort von meiner Antriebslosigkeit und mir wurde als Meditationsform die sogenannte „Erkundung des Atemraumes“ empfohlen. Eine angeleitete Atemmeditation. Ich hoffe das bringt etwas. Ich weiß tatsächlich nicht warum ich so Antriebsschwach bin.

Ich habe keinen Plan für diesen Tag heute zum Beispiel. Außer das ich ins Hallenbad will um zu schwimmen. Ich gehe Rückenschwimmen, das geht im Hallenbad besser als im Freibad. Und das kostet schon mal viel Zeit.

Was kann ich dann noch erzählen. Ich lese immer noch recht viel. Im Moment lese ich die „Sprache der Sichel“ von Gavino Ledda. Er der sardische Hirtenjunge emanzipiert sich von seinem ausbeutersichen Vater und fängt eine akademische Laufbahn an. Er erzählt auch viele Geschichten über das ländliche Sardinien. Und danach fange ich „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny an. Ich denke dieser Roman kann mich über meine eigene Langsamkeit hinweg trösten. Es ist die Geschichte von John Franklin den Seefahrer der als sehr langsam beschrieben ist und ist auch eine philosphische Betrachtung über die Zeit.